Laufen gegen die Langeweile
Nicht nur Schlittenhunde wollen beschäftigt werden – Auch in Deutschland gibt es Rennen mit Wagen und Schlitten
Von alters her dienen Hunde den Menschen im hohen Norden. Als Lasttiere. Diese Anlagen tragen die modernen Schlittenhunde in sich: Sie müssen keine Rennen laufen, aber sie brauchen viel Beschäftigung. Nicht selten landen Huskys, Samojeden und Malamutes deshalb beim Tierschutz.
„Leute, die sich in den niedlichen kleinen Plüschwelpen oder blaue Augen vergucken und sich wenig über den Charakter eines nordischen Hundes informieren, geben die Tiere oft bald wieder ab“, sagt die „Nothilfe Polarhunde“ Seit 20 Jahren engagiert sie sich in der Vermittlung abgeschobener nordischer Hunde. Zwar sind Schlittenhunde in Deutschland, anders als etwa in Spanien, aktuell kein Modetrend. Doch immer wieder suchen ursprüngliche Grönlandhunde, scheinbar ewig lächelnde weiße Samojeden, schnelle Siberian Huskys und massige Alaskan Malamutes, die, kräftigsten der vier reinrassigen Schlittenhundeformen, neue und vor allem qualifiziertere Halter. Nicht selten sind es stattliche Tiere: Die Rüden erreichen 6O Zentimeter Schulterhöhe, das Gewicht schwankt von 25 Kilo beim leichten Husky bis über 40 Kilo beim Malamute.
Die Namen verweisen auf die Geschichte der Rassen: Sie wurden von Völkern im hohen amerikanischen
und eurasischen Norden als Arbeitshunde eingesetzt. Huskys, um Güter schnell zu transportieren, der Rest, um schwerere Lasten zu ziehen. So entstanden zwar menschenfreundliche, aber auch selbständig arbeitende Leistungshunde, die das Zehnfache ihres Körpergewichts ziehen können und bis zu 40 Stundenkilometer schnell sind.
„Wer einen Wachhund. sucht oder einen, der ohne Leine laufen kann und kommt, wenn man ihn ruft,
wird mit diesen Rassen nicht glücklich“, sagt Heike Otter. „Und auch ein Zaun von einem Meter Höhe ums Grundstück reicht nicht, wenn die Hunde Langeweile haben.“ Drei Stunden Beschäftigung pro Tag lautet eine häufige Empfehlung. „Stur neben dem Fahrrad herlaufen ist damit aber nicht gemeint“, sagt Otter. „Abwechslung und auch Kopftraining sind gut.“ Gelangweilte Hunde machen sich gerne selbständig Zerstörtes Mobiliar, aufgebrochene Kaninchenställe und gewilderte Schafe“, zählt Heike Otter als Folgen auf.
Eine Möglichkeit, Schlittenhunde auszulasten, ist der Sport. Auf mindestens 80 Rennen pro Jahr schätzt Sportwart Wolf-Dieter Polz vom Dachverband für den Sport mit reinrassigen Schlittenhunden die Zahl der Veranstaltungen in Deutschland. Wie viele Musher, also Schlittenführer, es gibt, ist ungewiss: Gefahren wird nicht nur mit reinrassigen, sondern auch mit Mischlingshunden und nicht alle, die im Gespann mit ihren Hunden die Einheit mit der Natur genießen, sind organisiert.
Wie alle Sportler müssen Schlittenhunde trainieren. „Wenn die Temperaturen unter 15 Grad gehen, also
meist ab Oktober, werden die Hunde mit Rollwagen langsam antrainiert“, erläutert Polz. „Im Januar und Februar ist, idealerweise bei Schnee, die eigentliche Rennsaison, danach trainiert man wieder ab.“ Die Renndistanzen in den deutschen Mittelgebieten liegen meistens zwischen sechs und 16 Kilometern. 20 Prozent der Musher, schätzt Polz, seien Frauen. Tierschutz ist auch bei den Rennen ein Thema: Doping ist verboten, die Unterbringung der Hunde vom Transport‘ bis zum Aufenthalt im Renncamp geregelt. Tierschutzbeauftragte aus Reihen der Veranstalter und Amtstierärzte kontrollieren die Einhaltung der Bestimmungen. Ganz, ganz oft sind die Schlittenhunde echte Familienmitglieder“, sagt Polz. „Schwarze Schafe gibt es aber immer.“ Polz erinnert sich an zwei Dopingfälle. „Zur harten Sperre kam die Ächtung durch die anderen Musher“, beschreibt er die Strafe. „Ich denke, dass das Nachahmer tatsächlich abgeschreckt hat.“

Zur Sache: Das Iditarod-Rennen
Das lditarod-Rennen in Alaska gilt als das längste und härteste Hundeschlittenrennen der Welt. Es startet jedes Jahr am ersten März-Wochenende in Anchorage. Die Strecke führt entlang eines alten Goldgräbertrails über rund 1150 Meilen (etwa 1850 Kilometer) nach Nome. Der Name stammt von der an der Strecke gelegenen Ortschaft lditarod, die heute eine Geisterstadt ist.
2009 gewannen Lance Mackey und sein neun Jahre alter Leithund Larry das Rennen zum dritten Mal in Folge. Sie brauchten neun Tage, 21 Stunden, 38 Minuten und 46 Sekunden und kassierten 69.000 Dollar Siegprämie. Der zweite Platz ging an den aus Wuppertal stammenden Wahlkanadier Sebastian Schnülle. 52 von 67 -gestarteten Teams kamen 2009 ins Ziel, sechs Hunde starben während des Rennens.
Für Iditarod 2010 liegen 75 Meldungen vor. Die Startgebühr beträgt 4000 Dollar. 23 Teams wagen sich laut Veranstalter zum ersten Mal auf die Strecke 19 Schlittenführer sind Frauen.
Das heute wegen seiner extremen Härte und Kommerzialisierung nicht unumstrittene Iditarod-Rennen erinnert an die Leistung von 20 Schlittenführern mit mehr als 100 Hunden, die im Januar 1925, mitten in der Polarnacht, eine Rettungsstafette bildeten und in nur fünfeinhalb Tagen dringend benötigte Diphterie-Medikamente in die an der Beringsee gelegene Goldgräberstadt Nome brachten.