Wie das Haustier zum Partner des Menschen wurde
Sonntag, 12. Oktober 2008Zu dieser Zeit begann auch die gezielte Zucht bestimmter Rassen nach vorgegebenen Merkmalen. Dabei orientierten sich die
Zuchtziele noch an der jeweiligen Aufgabe des Hundes: Jagdhund, Hütehund, Polizeihund, Kampfhund, Blindenhund. Später kamen
dann gewissermaßen politische Ziele hinzu, und irgendwann ging es vorwiegend um die Schönheit.
Wie sich die Rassen anfangs entwickelten und ob sie gar einen gemeinsamen Ahnherrn hatten, darüber stritten sich die
Hundeforscher (Kynologen).
Nach Auffassung des Schweizer Hundehistorikers Theophil Studer (1845 bis 1922) entwickelten sich die heute bekannten Rassen
aus wenigen - Ur-Rassen -.
Studers Hauptwerk:
(Die prähistorischen Hunde in ihrer Beziehung zu den gegenwärtig lebenden Rassen) Professor Studer war Vorsteher der
zoologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums Bern und der Urvater aller Kynologen.
Er vertrat die Theorie vom Ur-Hund, gab ihm sogar einen lateinischen Namen: - Canis ferus -. Es soll ein Wildhund gewesen
sein, der parallel zu Wolf, Schakal und anderen Wildhundearten in Eurasien gelebt haben soll.
Nachteil:
Niemand hat ihn je gesehen. Das hielt Studer indessen nicht von einer Rassentheorie ab, die auf dem Ur-Hund fußte.
Von - Canis ferus -, sozusagen dem Adam unter den Hunden, sollen alle Rassen ausgegangen sein, zunächst als die sogenannten
fünf - Ur-Rassen -:
Unter ihnen war - Canis intermedius -, der Urahn der Jagdhunde. Von - Canis feineri - stammten alle Windhunde ab und auch der
Irische Wolfshund. - Canis matris-optimae - war der Vorläufer der Schäferhunde. Vom - Canis inostranzeni - entwickelten sich
die nordischen Hunde, auch der Deutsche Schäferhund und auch der bullige Mastiff. Die Kleinen entstanden aus der Linie
des - Canis palustris -: Spitz, Chow, Pinscher, Terrier.
Andere Forscher erklärten wahlweise den Schakal, den Koyoten und natürlich den Wolf zum Ur-Hund.
Bei der Entwicklung der Hunderassen spielte die Geschichte des Menschengeschlechts eine wesentliche Rolle. Es waren natürlich
nicht die Hunde, die bei der Paarung auf Fell, Rücken, Beinstellung achteten, es waren die Menschen. So spielten die
geschichtlichen Umstände auch hundegeschichtlich eine wichtige Rolle, und natürlich auch die Moden der jeweiligen Epochen,
die Ideologien und die Kulturen.
Der Mensch schuf sich den Hund nach seinen Wünschen, modellierte seine Gestalt, bildete seinen Charakter. Und so wie heute
Hollywoodfilme Dalmatiner oder Golden Retriever zu Trendhunden machen, so waren es früher die Kaiser und Könige oder auch
Kanz1er, die über Schicksal und Karriere einer Hunderasse bestimmten.
Die deutschen Hunderassen beispielsweise gewannen ihren Charakter und ihre Bedeutung, wie auch die deutsche Nation, erst im
Laufe des neunzehnten Jahrhunderts. Bei den Hunden galten zuvor noch die englischen Rassen als Vorbild.
Je deutscher aber das Land wurde, desto deutscher wurde auch der Hund. Im neunzehnten Jahrhundert begann das Rassehundewesen
sich zu organisieren. Und Reichskanzler Otto von Bismarck (1815 bis 1898) förderte gar die Karriere eines ersten
Nationalhundes: Die Deutsche Dogge wurden damals zum - Reichshund -.
Kurz darauf kam der Dobermann. Er wurde benannt nach einem Herrn Dobermann und gebildet nach dessen Lebensmaximen.
Karl Friedrich Louis Dobermann (1834 bis 1894), der Begründer und Namensgeber der Rasse, war Steuereintreiber in Thüringen.
Er brauchte Hunde für Geldtransporte. Sie sollten möglichst scharf sein und bedrohlich wirken. Beim Dobermann galt - extreme
Schärfe als wichtigste Eigenschaft -, wie Hundeforscher Zimen schrieb. So züchtete er aus Deutschen Doggen, Pinschern und
Rottweilern einen Hund, der seinen Namen tragen sollte.
Zum Inbegriff des - deutschen Hundes - aber wurde der Deutsche Schäferhund. Der kam anfangs tatsächlich, wie der Name sagt,
als Hirtenhund zum Einsatz: in den Schafzuchtgebieten auf der Schwäbischen Alb, in Thüringen, Sachsen und im Elsass.
Schäferhunde gab es allerdings viele, und weil der Hütehund nicht weit herumkam auf der Welt, sondern meist in der Heimat
blieb, gab es auch viele lokal oder regional begrenzte Rassen (sogenannte - Schläge -), etwa den Harzer Fuchs oder den
Westerwälder Kuhhund.
Zum Vater des echten Deutschen Schäferhundes wurde schließlich ein Karlsruher Offizier, Rittmeister Max von Stephanitz
(1864 bis 1936). Der hatte einst in der Rheinebene einen Schäfer bei der Arbeit beobachtet, und sah dabei natürlich auch
dessen Hund, der folgsam auf Zuruf die Herde kontrollierte. Stephanitz war begeistert, wollte aber die Leistungen dieser
Sorte Hund noch optimieren.
So kaufte er am 15. Januar 1898 vom Frankfurter Züchter Friedrich Sparwasser einen dreijährigen Rüden mit dem seltsamen Namen
Hektor Linksrhein. Von Stephanitz gab dem Rüden den Namen Horand von Grafrath, was natürlich auch nicht viel besser war.
Horand war 61 Zentimeter groß, besaß, wie die einschlägige Hundeliteratur weiß, einen - edlen Kopf - und - gute Linien - und
war ein - großer Raufer -. Sein - Wurfbruder - Luchs Sparwasser war von ähnlichem Charakter.
Von diesen beiden Brüdern stammen die meisten Deutschen Schäferhunde ab und sie waren offenbar ziemlich vermehrungsfreudig:
Als Stephanitz 1936 starb, heulten ihm zu Ehren schon 700 Deutsche Schäferhunde.
Stephanitz gründete am 22. April 1899 mit einer Gruppe von Gleichgesinnten in Karlsruhe den - Verein für Deutsche
Schäferhunde -. Das Deutsche Reich war noch jung, und Rittmeister Stephanitz war vom deutschen Gedanken so angetan, dass sein
Verein den Hund in den Dienst der Nation stellte.
Schon 1903 ließ er verschärfte deutschtümelnde Tendenzen erkennen: - Auch Hundezucht steht in Beziehung zum Vaterlande, soll diesem dienen -, verkündete Stephanitz. Vaterländische Empfindungen zu fördern, sollte sich jeder Deutsche berufen fühlen.
Seine Hunde-Ideologie nahm zunehmend völkisch-rassistische Züge an. Er verglich die Hundezucht mit der Entwicklung der
Menschen:
Die allgemeine seelische Minderwertigkeit der Sprösslinge aus Verbindungen ungleicher Menschenrassen ist zur Genüge bekannt.
Das Eheverbot für Angehörige hoch stehender Kulturvölker mit Frauen niedrigerer Rasse ist daher eine durchaus zweckmäßige
Maßregel.
Er wandte sich auch dagegen, dass die Deutschen unter dem Einfluss eines - Fremdvolkes - (den Juden) es verlernt hätten,
- arisch, deutsch und rein zu fühlen -.
Lassen wir Tierzüchter uns daraus eine Lehre ziehen. Solch demonstratives Deutschtum beförderte in jenen Zeiten die Karriere
der neuen Rasse:
Im Ersten Weltkrieg zeigte sich schon der Heerführer und zeitweilige Hitler-Parteigänger Erich Ludendorff mit Deutschen
Schäferhunden, später auch Reichspräsident Paul von Hindenburg, der - Reichsführer SS - Heinrich Himmler und natürlich der
- Führer - Adolf Hitler selbst.
Das Deutschtum hatte jedoch auch Nachteile für den Schäferhund. Er musste einrücken in den Krieg: 30000 wurden eingezogen
- und viele ließen ihr Leben auf dem Feld der Ehre.
Hunde im Krieg:
Das war nun keine deutsche Erfindung. Kampfhunde wurden in früheren Zeiten nicht nur in Rotlichtvierteln an Zuhälterhänden
ausgeführt, sondern vornehmlich bei kriegerischen Auseinandersetzungen.
Schon bei den alten Griechen waren Molosser im Kriegsdienst tätig. In den Perserkriegen (490 bis 449 v. Chr.) waren sie sowohl
auf griechischer als auch persischer Seite dabei: Damals kämpften, wie der griechische Historiker Herodot schrieb, - Mann
gegen Mann, Pferd gegen Pferd, Hund gegen Hund -.
Bei Kelten und Galliern wurden die kämpfenden Hunde durch Rüstungen geschützt; sie trugen breite Halsbänder mit langen
Eisenstacheln. Die so ausgerüsteten vierbeinigen Kämpfer wurden auf die gegnerische Reiterei gehetzt:
Hund gegen Pferd. Doch Kriegshunde taten nicht nur Dienst an der Waffe, sondern waren auch im Schutz-und Wachdienst tätig,
suchten nach verwundeten oder getöteten Soldaten oder versteckten Gegnern, schnüffelten nach Minen und übermittelten
Botschaften.
Manche kamen gar als Selbstmordattentäter zum Einsatz:
Die Armee der Sowjetunion bildete Hunde zur Sprengung deutscher Panzer aus. Dazu wurden die Tiere während der Ausbildung unter
Panzern gefüttert. Vor ihrem Einsatz ließ man sie einige Tage hungern und schickte sie dann mit einem Sprengsatz auf dem
Rücken, der durch einen dünnen Metallstab gezündet wurde, zu den feindlichen Panzern, um diese zu sprengen.
Wenn auch die Deutschen die Kriege nicht gewannen - der Deutsche Schäferhund wurde im Ersten und Zweiten Weltkrieg zur
führenden Rasse, auch bei den Gegnern.
Er stellte etwa achtzig Prozent der im Krieg eingesetzten Hunde. Im Ersten Weltkrieg wurden nur einige Tausend Hunde verwendet,
im Zweiten Weltkrieg waren es insgesamt ungefähr 200000, allein in Deutschland und Frankreich jeweils 40000. Um genügend
Kriegshunde zu bekommen, wurden eigene Zucht-Zentren unterhalten, die aber bald nicht mehr den nötigen Nachwuchs an Hunden
liefern konnten. Darum zogen - Stellungskommissionen - durch die Lande und veranstalteten - Hundemusterungen -. Die
- tauglichen - Hunde wurden in - Kriegshundekursen - für die Front ausgebildet.
So war es auch im Falle des - Kriegshundes - nicht der Hund, der sich freiwillig meldete, sondern der Mensch, der ihn zu
kriegerischen Zwecken abrichtete. Das finden Hundefreunde wie Autor Zimen auch in der Debatte um die sogenannten
- Kampfhunde - wichtig. Ob Mastiff, Pitbull, Bullterrier:
Es sei nicht der Hund, der zum Aggressor wird, sondern der Mensch, der ihn zu einem solchen züchte.
Auch Hunde-Experte Zimen ist der Auffassung, die Zuchtgeschichte habe großen Anteil daran, dass Hunde zu potentiell
gefährlichen Stadtbewohnern geworden sind. Wenn es immer wieder Debatten um Kampfhunde gibt und Kinder zu unschuldigen Opfern
von Hundebissen werden, dann seien dafür auch die züchterischen Maximen jener zackigen Zeitgenossen verantwortlich, die den
Dobermann oder den Deutschen Schäferhund erfanden. Meint Zimen, der ein gebürtiger Schwede war und daher eine gewisse Skepsis
und Distanz zu solchen Nationaltugenden hat, die sich in manchen Hunderassen verewigten:
Es ist eine traurige Folge der Zucht und Abrichtung mannscharfer Hunde im Geiste von Stephanitz, dass wir alljährlich in der
Bundesrepublik über 10 000 Verletzte und etliche Tote durch aggressive Fehlleistungen von Hunden zu beklagen haben. Doch die
Hunde scheinen als Trend-Tier ohnehin auf dem Rückzug, sie werden abgelöst von der Katze.
Seit in Deutschland an die Stelle der Kriegskultur eher eine Kuschelbewegung getreten ist, wird die Katze zum Leit-Tier.
Die Katze scheint zukunftsfähiger in der modernen Gesellschaft, in der es um flexible Überlebensstrategien geht.

VEREINSFACHOBRIGKEITEN ZEIGEN NACH ZWEI AMTSPERIODEN VERWALTUNGSROUTINE ZUM TEIL STARKE BASISMÜDIGKEIT